Türkei sperrt 194 X-Konten von Ökonomen und Journalisten während der Fondskrise

23.09.2026 10 Min. 5

Am 23. September bat die türkische Kapitalmarktbehörde SPK die Öffentlichkeit, zu den 131 Investmentfonds, deren Liquidation sie angeordnet hatte, "nur die Aussagen offizieller Quellen" zu berücksichtigen. Zu diesem Zeitpunkt war ein großer Teil der Leute, die dem türkischen Publikum diese Fonds erklärt hatten, im Land nicht mehr lesbar.

In der Woche davor hatten Staatsanwaltschaften in Istanbul und Ankara 194 Konten auf X sperren lassen, darunter Ökonomen, Finanzprofessoren, Marktkommentatoren und Journalisten. Der Verein für Meinungsfreiheit (İFÖD), der mit EngelliWeb das Archiv der türkischen Sperrentscheidungen führt, zählte rund 12 Millionen Follower hinter diesen Konten. Die angegebene Grundlage war Artikel 8/A des Gesetzes Nr. 5651: nationale Sicherheit und öffentliche Ordnung.

Kurz gefasst

  • 194 X-Konten wurden binnen einer Woche wegen Beiträgen über den Kapitalmarkt gesperrt, zusammen rund 12 Millionen Follower.
  • Der Justizminister nannte eine höhere Zahl, 246 Konten, und sagte, Gerichte hätten wegen solcher Beiträge 16 Personen in Untersuchungshaft geschickt.
  • Auslöser war ein Fondskollaps: 131 Fonds wurden in die Liquidation geschickt, mit 455.758 Anlegern darin.
  • Gesperrt wird über türkische Zugangsanbieter und dadurch, dass X die Konten für die Türkei ausblendet. Innerhalb des Landes wirkt das, außerhalb nicht.

Was die Staatsanwaltschaften angeordnet haben

İFÖD veröffentlichte die Liste am 22. September. Gesperrt wurden die Konten in Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaften Istanbul und Ankara, wegen Beiträgen, die als "spekulativ und geeignet, bei Anlegern Angst und Panik auszulösen" eingestuft wurden.

Auf der Liste stehen keine anonymen Trolle. Dort finden sich der Ökonom und Kolumnist Uğur Gürses, Prof. Veysel Ulusoy, der Finanzprofessor Bilge Yılmaz, der als Ted Pillows bekannte Kryptoanalyst, der Anlageberater Emre Şirin, die Journalisten Naz Yavuzarslan und Dinçer Gökçe sowie der Schauspieler Orhan Aydın. Mehrere Konten am Anfang der Liste haben jeweils über 300.000 Follower. Viele davon hat X zusätzlich selbst für die Türkei ausgeblendet, die länderbezogene Maßnahme, die die Plattform anwendet, wenn sie einer lokalen rechtlichen Anordnung folgt.

Die amtliche Zahl nannte Justizminister Akın Gürlek vier Tage früher, am 18. September: Ein Gericht habe die Sperrung von 246 Social-Media-Konten wegen Beiträgen angeordnet, die bei Anlegern Angst und Panik auslösen könnten, und in einem gesonderten Verfahren der Staatsanwaltschaft Bakırköy hätten Gerichte 16 Personen wegen Social-Media-Beiträgen in Untersuchungshaft geschickt. Im Hauptverfahren wegen Marktmanipulation saßen 20 Personen in Untersuchungshaft, 51 weitere erhielten ein Ausreiseverbot.

194belegte Kontosperren
12 000 000Follower dahinter
16Personen in Haft wegen Beiträgen
455 758Anleger in den liquidierten Fonds

Warum ausgerechnet jetzt

Am 17. September beschloss die SPK die Liquidation von 131 Fonds, die von sieben Portfolioverwaltungsgesellschaften geführt wurden. Einige Fonds bedienten Rückgabewünsche nicht mehr, der Verkaufsdruck griff auf den gesamten Markt über, und der Leitindex der Istanbuler Börse schloss die Woche mehr als 8 Prozent tiefer. Am 23. September bestätigte die Behörde das Ausmaß: 455.758 einzelne Anleger, nach den Daten der zentralen Verwahrstelle.

Parallel zu den aufsichtsrechtlichen Schritten liefen Strafverfahren, und die Beiträge gerieten zeitgleich mit den Geschäften ins Visier. Uğur Gürses hatte am 21. September geschrieben, es müssten auch diejenigen untersucht werden, die von diesem System stark profitiert hätten, nicht nur die Fondsmanager, und hinzugefügt: "Die Beamten, die hinter Sperren für Beiträge herjagen, in denen Aufklärung und Prüfung gefordert werden, sollten sich lieber um diesen Fondsskandal kümmern." Sein Konto wurde gesperrt.

  1. Die SPK ordnet die Liquidation von 131 Fonds aus sieben Portfoliogesellschaften an.
  2. Justizminister: 20 in Haft im Manipulationsverfahren, 16 in Haft wegen Social-Media-Beiträgen, 246 Konten per Gerichtsbeschluss gesperrt.
  3. Der Leitindex der Istanbuler Börse schließt die Woche mehr als 8 Prozent tiefer.
  4. Die SPK verlängert die Liquidationsfrist von drei auf sechs Monate.
  5. Gürses veröffentlicht den Beitrag über die Profiteure. Kurz darauf wird er gesperrt.
  6. İFÖD veröffentlicht die Liste: 194 Konten, rund 12 Millionen Follower.
  7. Die SPK bestätigt 455.758 Anleger und bittet, sich nur auf offizielle Aussagen zu stützen.
Auseinanderhalten: Die 246 stammen vom Justizministerium und beschreiben einen Gerichtsbeschluss; die 194 sind İFÖDs eigene Zählung der Konten, die der Verein überprüfen konnte, und die Liste wird weiter ergänzt. Einzelne Sperrentscheidungen werden in der Türkei nicht veröffentlicht, welcher Beitrag also welche Anordnung ausgelöst hat, ist nicht öffentlich.

Wie Artikel 8/A funktioniert

Artikel 8/A kam 2015 ins Gesetz Nr. 5651. Er erlaubt einem Richter, in eilbedürftigen Fällen auch dem Chef der Telekomaufsicht BTK auf Antrag des Präsidialamts oder eines Ministeriums, Inhalte entfernen oder sperren zu lassen, unter anderem aus Gründen der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung. Zugangsanbieter haben vier Stunden für die Umsetzung. Die Entscheidung geht dann binnen 24 Stunden an einen Strafrichter der Friedensgerichtsbarkeit, der 48 Stunden Zeit hat; danach fällt die Anordnung von selbst weg.

Derselbe Artikel verlangt, dass sich die Sperre auf die konkrete Seite oder den konkreten Beitrag richtet und eine ganze Website nur gesperrt wird, wenn das technisch nicht anders geht oder den Verstoß nicht beendet. Ein ganzes Konto zu sperren ist die weite Variante: Wegen eines Beitrags verschwinden Jahre an Beiträgen. Genau das kritisiert İFÖD hier. Der Bericht EngelliWeb 2025 von Prof. Yaman Akdeniz und dem Forscher Ozan Güven stellt fest, dass die meisten 8/A-Anordnungen mit Textbausteinen und ohne Begründung ergehen und dass der zugrunde liegende richterliche Beschluss der Sperrmitteilung häufig nicht beiliegt.

Wer in der Türkei sonst noch sperrt

Sperren liegen in der Türkei längst nicht mehr nur bei Gerichten. Bis Ende 2025 zählte İFÖD 1.505.484 aus der Türkei gesperrte Websites und Domains, beruhend auf 1.284.464 einzelnen Entscheidungen von 875 verschiedenen Behörden und Gerichten. Die Kapitalmarktbehörde, also die Aufsicht im Zentrum der Septemberkrise, steht selbst auf dieser Liste.

Wer entscheidetWebsites und DomainsÜblicher Gegenstand
Chef der Telekomaufsicht BTK1 155 206Verwaltungsmaßnahmen nach Artikel 8
TİB, die Vorgängerbehörde, bis zur Auflösung130 717Verwaltungsmaßnahmen nach Artikel 8
Türkischer Fußballverband122 638Nicht lizenzierte Wetten
Friedensstrafrichter, Staatsanwaltschaften, Gerichte48 676Gerichts- und Staatsanwaltsbeschlüsse aller Art
Nationale Lotterieverwaltung20 080Glücksspiel
Kapitalmarktbehörde (SPK)10 668Anlagedienste ohne Zulassung

Kumulierte Zahlen bis Ende 2025 aus dem Bericht EngelliWeb 2025. Zu derselben Praxis anderswo führen wir einen Länderüberblick: wo Websites ohne Richter gesperrt werden.

Wie viele Websites und Domains waren bis Ende 2025 aus der Türkei gesperrt?

İFÖD zählt seit 2008. Der Jahreszuwachs überschritt 2021 die Marke von 100.000 und 2024 die von 300.000.

Warum die Beiträge im Ausland weiter lesbar sind

Beide Mechanismen sind geografisch. Eine 5651-Anordnung wird türkischen Zugangsanbietern zugestellt und in deren Netzen umgesetzt, sie trifft also Leute, deren Datenverkehr über einen türkischen Betreiber läuft. Das länderbezogene Ausblenden bei X arbeitet genauso: Die Plattform verbirgt das Konto vor Nutzern, die sie der Türkei zuordnet, und zeigt es allen anderen. Gelöscht wird dabei nichts. Die Beiträge stehen weiter auf X, und wer außerhalb der Türkei liest oder wessen Verbindung außerhalb der Türkei endet, sieht die Konten wie gewohnt.

Darin liegt der Sinn einer solchen Anordnung und zugleich ihre Grenze. Sie zielt auf das heimische Publikum, genau in den Wochen, in denen dieses Publikum nach Antworten sucht. Die Information verschwindet dadurch nicht, und an den Fondsverlusten, mit denen alles begann, ändert sie nichts. Der Journalist Dinçer Gökçe, dessen Konto ebenfalls gesperrt wurde, sagte es deutlich: Einen Fondsskandal über 20 Milliarden Dollar habe man nicht verhindert, also habe man sich das Einfachste vorgenommen, und durch gesperrte Konten ende der Skandal nicht.

Was ein anderer Ausgangspunkt nicht leistet, ist Schutz für den, der schreibt. Die 16 Inhaftierten wurden nicht gesperrt, sondern strafrechtlich verfolgt, und das geschieht unabhängig davon, wie jemand sie liest. Reichweite bringt es auch nicht zurück: Emre Şirin berichtete, ein noch am selben Abend eröffnetes Konto sei ebenfalls gesperrt worden, zum fünften Mal. Die Türkei hat das schon in großem Maßstab getan, unter anderem mit 419 Konten von Aktivisten und Journalisten.

Was tun, wenn ein Konto plötzlich verstummt

Für Lesende besteht die Schwierigkeit darin, drei Fälle auseinanderzuhalten, denn in der Timeline sehen sie gleich aus: Das Konto ist im eigenen Land gesperrt, der Autor hat den Beitrag gelöscht, oder die Plattform hat das Konto überall gesperrt.

  • Auf den Hinweis achten. X zeigt bei Konten, die es für ein bestimmtes Land ausblendet, einen entsprechenden Hinweis. Ein weltweit gesperrtes Konto hat eine andere Seite, ein gelöschter Beitrag verschwindet einfach.
  • Die Person anderswo suchen. Fast alle gesperrten Ökonomen und Journalisten veröffentlichen auch Kolumnen, Newsletter, YouTube oder Bluesky, die keine türkische Anordnung berührt.
  • Eine Sperre ist kein Urteil. Eine 8/A-Anordnung ist eine Verwaltungsmaßnahme, die binnen Stunden ergeht. Über die Richtigkeit des Beitrags sagt sie nichts.
  • Wichtiges sichern. Archivdienste bewahren Seiten auf, die später verschwinden, und İFÖD archiviert gesperrtes Material gerade deshalb, weil es aus der Suche verschwindet.
  • Wer selbst schreibt, braucht einen zweiten Kanal. Şirins Erfahrung zeigt, dass neue Konten so schnell gesperrt werden, wie sie entstehen, während ein Newsletter oder eine eigene Website nicht davon abhängt, wie eine Plattform fremde Anordnungen umsetzt.
Stellt ein VPN den Zugang zu diesen Konten wieder her?
Zum Lesen ja. Die Sperre setzen türkische Zugangsanbieter und der Länderfilter von X um, und beide schauen darauf, woher die Verbindung zu kommen scheint. Über einen Ausgang in einem anderen Land sind die Konten sichtbar. Die Strafverfahren hebt das nicht auf, und das türkische Publikum bekommen die gesperrten Autoren dadurch nicht zurück.
Ist die Nutzung eines VPN in der Türkei legal?
VPNs als solche sind nicht verboten und werden von Unternehmen breit genutzt, einzelne Dienste haben die Behörden allerdings zeitweise eingeschränkt. Eine gesperrte Seite zu lesen ist etwas anderes, als sich einem Ermittlungsverfahren zu entziehen, und in diesem Fall wurde niemand dafür verfolgt, wie er das Internet liest, sondern für das, was er geschrieben hat.
Warum sperrt man Ökonomen statt der Fonds?
Die amtliche Begründung lautet, die Beiträge seien spekulativ gewesen und hätten bei Anlegern Angst und Panik auslösen können, was Artikel 8/A als Frage der öffentlichen Ordnung behandelt. Der Einwand, den die gesperrten Journalisten selbst erheben: Die Maßnahme ist schnell und billig, während die Fondsermittlung langsam läuft, also wird zuerst der Kommentar erledigt.
Sind die Konten endgültig gesperrt?
Nicht zwingend. Eine 8/A-Sperre fällt weg, wenn der Friedensstrafrichter sie nicht binnen 48 Stunden bestätigt, und eine bestätigte Sperre lässt sich anfechten. In der Praxis haben solche Rechtsmittel selten schnell Erfolg: Als İFÖD seine Liste veröffentlichte, waren die Konten weiter gesperrt.
Wie belastbar ist die Zahl 194?
Es ist İFÖDs eigene Zählung der Konten, die der Verein prüfen und mit Followerzahlen veröffentlichen konnte, und die Liste wird weiter ergänzt. Der Gerichtsbeschluss, von dem das Justizministerium sprach, umfasste 246 Konten. Beide Zahlen beschreiben dieselbe Woche.

türkeizensurkontosperrenxjournalistenpressefreiheitistanbulverhaftungenmeinungsfreiheitsoziale medienwirtschaftwebsite-sperrenoverblockingvpn

Auch lesenswert