Fremdes Konto las Kundenarchiv der US-Firma DigiCert, darunter Kopien von Reisepässen
Ein fremdes Konto hat zwischen dem 27. Juni und dem 2. Juli einen Teil von DigiCerts Archiv mit Kundendaten gelesen. Das schreibt die Zertifizierungsstelle in einem Vorfallbericht im Bugzilla-Tracker von Mozilla. Betroffen waren vor allem geschäftliche Kontaktdaten: Namen, geschäftliche E-Mail-Adressen, Telefonnummern und Firmenadressen. Bei einer "kleinen Minderheit" der Kundenkonten lag außerdem ein Dokument wie Reisepass, Führerschein oder Versorgerrechnung vor. Wie viele Menschen betroffen sind, sagt DigiCert nicht.
Kurz gesagt
- Ein internes System, das nur per VPN erreichbar sein sollte, war nach einer Migration fast 17 Monate aus dem Internet erreichbar. Das Auslesen selbst dauerte etwa sechs Tage.
- Es begann neun Tage, nachdem Mitarbeiter fremde Konten bemerkt und entschieden hatten, dass diese auf nichts zugreifen können.
- DigiCert bestätigte den Zugriff erst am 19. Oktober. Inzwischen werden Kunden informiert.
- Zertifikate und Kunden-Logins sind laut Unternehmen nicht betroffen.
Wie das System von außen erreichbar wurde
Am 4. Februar 2025 verlegte DigiCert das System aus einem VPN-beschränkten Netzsegment in eine andere Availability Zone. Dadurch war es von außen erreichbar. Außerdem besaß es eine Selbstregistrierung, die für andere Produkte gedacht war. So angelegte Konten unterlagen keiner Multi-Faktor-Authentifizierung und erhielten standardmäßig Leserechte. Das genügte, um archivierte Daten zu öffnen.
Laut Bericht fiel das niemandem auf, weil der Umzug "als Infrastrukturänderung und nicht als Sicherheitsänderung behandelt wurde". Auch die Warnungen zu neuen Konten und ungewöhnlichem Anfragevolumen reichten nicht aus.
Im Juni gesehen, im Oktober verstanden
| Datum (2026) | Was geschah |
|---|---|
| 18. Juni | Mitarbeiter sehen fremde Konten und schließen, dass diese keinen Datenzugriff haben. Neue Registrierungen werden an der Firewall gesperrt. |
| 21. Juni | Ein Sicherheitsprogramm meldet, dass sich Konten von außen anlegen lassen. |
| 24. Juni | DigiCert bestätigt das Problem. |
| 27. Juni | Das Auslesen archivierter Daten beginnt. |
| 2. Juli | Ein Patch sperrt solche Konten aus. Das Auslesen endet. |
| 12. Oktober | DigiCert vermutet erstmals einen Datenzugriff. |
| 19. Oktober | Der Zugriff wird bestätigt und als meldepflichtig eingestuft. |
DigiCert schreibt, der Fall sei "zunächst als Problem bei der Kontoerstellung und nicht als Datenzugriff behandelt worden". Die erste Prüfung lag falsch, weil dem Konto keine Anwendung zugewiesen war und die Mitarbeiter deshalb annahmen, es könne nichts lesen.
Was laut Unternehmen unberührt blieb
Dem Bericht zufolge konnte das Konto weder Datensätze ändern noch Validierungen genehmigen oder Zertifikate ausstellen. Die Protokolle zeigen keine damit verbundene Ausstellung oder Sperrung. Die Systeme der Zertifizierungsstelle laufen in eigenen Netzsegmenten. Aktive Zertifikate müssen Kunden laut DigiCert nicht austauschen. Der Fall ist nicht zu verwechseln mit dem Angriff auf das Support-Portal im April, nach dem das Unternehmen 60 Code-Signing-Zertifikate widerrief.
Was noch unbekannt ist
Eine Zahl nennt der Bericht nicht, zusammenfassende Statistiken bietet DigiCert nur Vertretern der Root-Programme auf Anfrage an. Im Bugzilla-Thread bat ein Teilnehmer um Zahlen und um Bestätigung, dass es um Validierungsdaten von Zertifikatskunden geht. Ein anderer fragte, was am 12. Oktober den Verdacht auslöste. DigiCerts bisherige Antworten dort melden nur erledigte Maßnahmen.
Das Unternehmen prüft weiterhin Ausweisdokumente, um festzustellen, wer betroffen ist. DigiCert sagte The Record, es gebe "keine Hinweise auf Missbrauch" und die Strafverfolgung sei informiert. Ob sich die Angreifer gemeldet haben, wollte DigiCert nicht sagen. Wer hinter dem Konto steckt, ist nicht bekannt.
Falls Sie die E-Mail bekommen haben
Unsere Einschätzung: Am wahrscheinlichsten folgt Phishing. Wer diese Daten hat, kennt Ihren Namen, Ihre geschäftliche E-Mail-Adresse und weiß, dass Sie Kontaktperson eines DigiCert-Kunden sind. Eine gefälschte Nachricht zur Verlängerung oder Neuvalidierung wirkt damit glaubwürdig. Da bei Zertifikaten laut DigiCert nichts zu tun ist, sollten Sie jede Nachricht zu diesem Vorfall misstrauisch prüfen, die eine Anmeldung oder Neuausstellung verlangt. Falls Sie DigiCert je einen Ausweis geschickt haben, fragen Sie nach, ob er zu den gelesenen Daten gehört. Eine Ausweiskopie bleibt für Betrüger jahrelang nützlich. Deshalb forderte Japans Aufsicht die Banken auf, nach einem ähnlichen Leck keine hochgeladenen Fotos mehr zu akzeptieren.
• DigiCert: Unauthorized access to business system - Mozilla Bugzilla
• Certificate authority DigiCert reports data breach involving business customer info - The Record
• DigiCert discloses breach after server migration error exposed customer data and ID documents - teiss
• DigiCert: Misissued code signing certificates - Mozilla Bugzilla