Instagram versteckt in Indien einen Beitrag darüber, wie es Alt-News-Faktenchecks löscht

21.09.2026 10 Min. 3

Am 17. September veröffentlichte das Software Freedom Law Center (SFLC.in), eine Bürgerrechtsorganisation aus Delhi, auf Instagram einen Beitrag darüber, wie die Plattform Faktenchecks von Alt News löscht. Einen Tag später machte Instagram diesen Beitrag in Indien unzugänglich. Als Scroll über die Sperre berichtete und SFLC den Bericht in einer Story zitierte, wurde auch die Story gesperrt. Der Hinweis lautete jedes Mal gleich: „automatisierte Systeme, die aufgrund gesetzlicher Anforderungen eingerichtet wurden". Keine Anordnung, keine Behörde, keine Rechtsnorm wird genannt.

Kurz gefasst

  • Die Kette: Alt News verlor im Juli zwei Versionen eines Beitrags über den Film Chauhaan, die dritte überlebte erst, nachdem der Name des Militanten Burhan Wani gestrichen war. SFLC beschrieb das am 17. September; der Beitrag wurde am 18. versteckt, die Story mit dem Scroll-Zitat am 19.
  • Die Sperre ist geografisch. Außerhalb Indiens bleiben die Beiträge sichtbar, aus Indien heraus über einen ausländischen Server ebenfalls. Indische Nutzer sehen eine Leerstelle.
  • Es ist die Maschine, die wir im August beschrieben haben: 195.000 Sperranordnungen in fünf Monaten, eine alle 68 Sekunden, und Metas Systeme hängen am Regierungsportal Sahyog, sodass markierte Beiträge ohne menschlichen Blick verschwinden. Neu ist, dass ein Beitrag über den Filter nun selbst den Filter auslöst.
  • Einen funktionierenden Einspruch gibt es nicht. Das Beschwerdeformular von Instagram kennt keine Option „mein Beitrag wurde auf rechtliche Anforderung eingeschränkt", und der staatliche Beschwerdeausschuss nimmt nur Fälle an, die zuerst durch dieses Formular gelaufen sind. SFLCs Bericht zählt bis August rund 40 dokumentierte Fälle. Den indischen Mechanismus beschreibt unser Länderleitfaden zu Sperren ohne Gericht.

Drei Beiträge, ein Satz

Am Anfang steht ein Filmteaser. In der Bollywood-Produktion Chauhaan mit Ajay Devgn tut die Hauptfigur Schrotgewehre als Mittel zur Auflösung von Menschenmengen ab, das nur „begrenzten Schaden" anrichte. Alt News, Indiens bekanntestes Faktencheck-Medium, stellte diesen Satz den dokumentierten Erblindungen und Todesfällen in Kaschmir gegenüber und postete die Analyse am 1. Juli als Karussell auf Instagram. Es wurde binnen Minuten entfernt. Alt News tauschte die Bilder und postete erneut; auch diese Version verschwand. Die dritte Fassung, aus der zwei Erwähnungen von Burhan Wani, einem 2016 getöteten Kommandeur der Hizbul Mujahideen, gestrichen waren, blieb stehen. Am 19. August schilderte Alt News den Ablauf und stellte fest, dass die Suche nach dem Namen auf Instagram gar nichts liefert.

SFLC.in, das seit dem Frühjahr Löschungen bei indischen Journalisten dokumentiert, fasste den Fall am 17. September in einem Instagram-Beitrag zusammen. Am 18. September erhielt die Organisation den Hinweis, der Beitrag sei in Indien eingeschränkt. Am 19. September berichtete Scroll darüber; SFLC teilte den Bericht in einer Story, und auch die Story wurde eingeschränkt. Der Artikel auf der Website von Scroll blieb unangetastet. Der Hinweis an SFLC gleicht fast wörtlich dem, den Alt News im Juli bekam:

Instagram-Hinweis an Alt News, Juli 2026, zitiert von Alt News; SFLC.in erhielt am 18. September nahezu denselben Text

Wir sind gesetzlich verpflichtet, den Zugriff auf Ihren Beitrag an bestimmten Orten einzuschränken. Wir haben diese Maßnahme aufgrund einer lokalen gesetzlichen Anforderung ergriffen. [...] durch ein automatisiertes System, das aufgrund gesetzlicher Anforderungen eingerichtet wurde.

  1. Welches Gesetz, bleibt offen. Meta verweist in diesen Hinweisen pauschal auf Indiens IT Rules 2021, ein Bündel von Sorgfaltspflichten für Plattformen, nicht auf eine konkrete Sperranordnung nach Section 69A des IT Act oder eine Mitteilung nach Section 79(3)(b).
  2. „Bestimmte Orte" heißt Indien. Aus jedem anderen Land ist der Beitrag sichtbar. Der Hinweis sagt das nicht; Nutzer erfahren es von Bekannten im Ausland.
  3. Eine „Anforderung" kann eine Behördenmitteilung über das Sahyog-Portal sein oder Metas eigene Lesart dessen, was die Regeln zu löschen verlangen. SFLC sagt, es könne nicht erkennen, was auf seinen Beitrag zutrifft, und Meta hat weder Scroll noch Alt News noch Medianama geantwortet.
  4. „Automatisiert" ist das entscheidende Wort. Meta hat seine Systeme per API mit dem Sahyog-Portal verbunden; markierte Inhalte können ohne gesonderte menschliche Prüfung entfernt werden. Ein Beitrag, der einen eingeschränkten Beitrag zitiert, kann die Einschränkung erben.

Was den Filter auslöst: ein Name, ein Screenshot

Das Muster des Sommers spricht dafür, dass der Filter auf bestimmte Wörter und Bilder reagiert, nicht auf Argumente. Der Beitrag von Alt News überlebte, sobald „Burhan Wani" fehlte. Bei Scroll wurde ein Beitrag vom 5. Juli über fremdenfeindliche Bollywood-Inhalte eingeschränkt, solange er einen Screenshot aus dem Chauhaan-Teaser trug, und durchgelassen, als derselbe Text mit einem Foto aus Srinagar erneut gepostet wurde. Zwei Scroll-Beiträge vom 6. August über Entschädigungen für Schrotopfer wurden komplett gesperrt. Auch Beiträge von Alt News mit dem Wort „Khalistani" wurden eingeschränkt, darunter ein Faktencheck, der ein falsch zugeordnetes Video bewaffneter Nihangs widerlegte. Seit Juni zählt Scroll vier eigene Beiträge, die Meta entfernt hat.

195.000Sperranordnungen an Instagram, Facebook und YouTube von März bis Juli 2026 (The Indian Express)
1 pro 68 sdas durchschnittliche Tempo dieser Anordnungen, gegenüber etwa sechs pro Tag im Jahr davor
~40dokumentierte Löschungen bei indischen Medien und Journalisten im SFLC-Bericht vom September, März bis August
157 / 180Indiens Platz im RSF-Index der Pressefreiheit 2026, nach 151 im Vorjahr

Automatik per Gesetz

Dem indischen Staat stehen zwei Wege offen, Inhalte zu entfernen. Section 69A des IT Act ist die förmliche Sperrbefugnis, mit Ausschuss, schriftlicher Anordnung und Geheimhaltungsregel. Section 79(3)(b) ist die Abkürzung: Eine Behörde teilt der Plattform mit, sie habe „tatsächliche Kenntnis" von rechtswidrigen Inhalten, und die Plattform verliert ihr Haftungsprivileg, wenn sie nicht handelt. Das Sahyog-Portal, seit 2024 vom Cybercrime-Zentrum des Innenministeriums betrieben, ist der Ort, an dem solche Mitteilungen eingereicht werden. Laut The Indian Express lief über diesen Kanal der Großteil der 195.000 Anordnungen zwischen März und Juli, rund 100.000 davon für Instagram, mit einem Schub während der Studentenproteste gegen Prüfungsmanipulationen, die im Juni am Jantar Mantar begannen.

Als im Mai ein Reel von Rahul Gandhi mit dem Ministerpräsidenten von Tamil Nadu verschwand, sprach das IT-Ministerium von einem „internen Fehler" bei Meta. Später bestätigte das regierungseigene Press Information Bureau, dass Meta seine API mit Sahyog verbunden hat und markierte Inhalte automatisch entfernt werden. In dieses System lief der Beitrag von SFLC. Die Fälle aus dem Bericht der Organisation zeigen seine Reichweite:

WerWannPlattformWas entfernt oder versteckt wurdeGenannter Grund
The WireFebruar 2026InstagramSatirische Karikatur des PremierministersKeiner
4PM News NetworkMärz 2026YouTube, FacebookKanal mit 8,4 Millionen Abonnenten eingeschränkt„Anzweifeln der Echtheit der militärischen Antwort Indiens" auf den Anschlag von Pahalgam
Mubashir Khurram, Mohammed Zubair, Revathi, South FirstJuni 2026X41 Beiträge über Gewalt gegen einen Urdu-Lehrer„Schädlich für Minderjährige"; Gefahr für „Einheit, Integrität, Verteidigung, Sicherheit"
Alt NewsJuli 2026InstagramZwei Versionen des Chauhaan-Beitrags; ein Nihang-FaktencheckIT Rules, automatisiertes System
The WireJuli bis August 2026Instagram, FacebookNihang-Faktencheck; Beitrag über Schrotopfer in Kaschmir; insgesamt 22+ BeiträgeKeine klare Erklärung
ScrollJuni bis August 2026MetaVier Beiträge, u. a. zu Entschädigungen für Schrotopfer und der Chauhaan-ScreenshotIT Rules
Reporter TV, Kairali News, Deshabhimani, News MalayalamAugust 2026MetaDutzende Beiträge mit Kritik am Ministerpräsidenten von Kerala„Rechtliche Anfrage der Regierung"; Urheber unbekannt
SFLC.in18. und 19. September 2026InstagramBeitrag zum Fall Alt News; Story mit Scroll-Zitat„Automatisierte Systeme aufgrund gesetzlicher Anforderungen"

Wo man Einspruch erhebt: nirgends, wo es wirkt

Die IT Rules verpflichten Meta, in Indien einen Beschwerdebeauftragten zu haben und Nutzern den Weg zum staatlichen Grievance Appellate Committee zu öffnen. SFLC versuchte es und fand den Kreis geschlossen. Das Beschwerdeformular von Instagram bietet keine Kategorie für einen auf rechtliche Anforderung eingeschränkten Beitrag; der einzige Weg ist E-Mail, was die Organisation „übermäßige zusätzliche Reibung" ohne jede Frist nennt. Der Beschwerdeausschuss wiederum nimmt Beschwerden erst an, wenn der Beschwerdebeauftragte entschieden hat. Ein Journalist, dessen Beitrag mitten im Nachrichtenzyklus verschwindet, hat in der Praxis niemanden, den er fragen, und nichts, worauf er sich berufen kann.

Die Forderungen von SFLC sind bescheiden: den Beitrag wiederherstellen, die Rechtsgrundlage nennen, einen Menschen in die Kette setzen und einen Einspruchsweg schaffen, der antwortet, solange die Geschichte noch lebt. Was die Organisation über die Folgen sagt, reicht über Indien hinaus. Niemand muss Scroll anweisen, keine Schrotverletzungen zu zeigen. Sobald Redaktionen wissen, bei welchen Namen und welchen Bildern ein Beitrag verschwindet, lassen sie sie weg, und das funktioniert, so SFLC, „auch ohne förmliche Anordnung der Regierung".

Was nicht bestätigt ist: Meta hat nicht gesagt, ob der Beitrag von SFLC auf eine Behördenmitteilung hin oder nach eigener automatisierter Lesart der IT Rules eingeschränkt wurde, und hat Fragen von Scroll, Alt News und Medianama nicht beantwortet. Eine Anordnung, die den Beitrag nennt, wurde nicht vorgelegt. Ob Beitrag und Story wiederhergestellt wurden, ist nicht bekannt. Die Zahlen von The Indian Express stammen aus Regierungsdaten, die die Zeitung erhalten hat; das Ministerium selbst hat keine Aufschlüsselung veröffentlicht.

Was ein Leser in Indien tun kann

Die Einschränkung ist eine Geosperre, keine Löschung. Der SFLC-Beitrag, das Karussell von Alt News und die Scroll-Texte existieren und laden aus jedem anderen Land normal, aus Indien über einen VPN-Server im Ausland, was in Indien legal ist. Das hilft, das Versteckte zu sehen; es gibt den Beitrag dem Publikum, für das er geschrieben wurde, nicht zurück und erklärt niemandem, warum er verschwand. Die Gewohnheit, die sich Alt News und SFLC angeeignet haben, lohnt sich: den Hinweis selbst veröffentlichen. Ein Screenshot von „gesetzlich verpflichtet, den Zugriff einzuschränken" mit Datum ist die einzige Spur einer Entscheidung, die keine Behörde unterschrieben hat.

Was hat Instagram eingeschränkt?
Einen Instagram-Beitrag von SFLC.in vom 17. September, der beschreibt, wie Instagram die Beiträge von Alt News über den Film Chauhaan löschte, bis eine Erwähnung von Burhan Wani entfernt war, und eine Story vom 19. September, in der SFLC den Scroll-Bericht über die erste Sperre zitierte. Beide sind „in Indien nicht verfügbar", beide bleiben aus anderen Ländern sichtbar.
Hat die indische Regierung das angeordnet?
Unbekannt. Der Hinweis nennt „gesetzliche Anforderungen" und Indiens IT Rules, aber weder eine Anordnung noch eine Behörde. Metas Systeme sind mit dem Regierungsportal Sahyog verbunden und können markierte Beiträge automatisch entfernen, Meta kann aber auch nach eigener Lesart der Regeln handeln. Fragen indischer Medien hat Meta nicht beantwortet.
Wer ist Burhan Wani, und warum zählt der Name?
Ein 2016 von Sicherheitskräften getöteter Kommandeur der Hizbul Mujahideen in Kaschmir; die Proteste nach seinem Tod waren die Zeit der massenhaften Schrotverletzungen. Der Beitrag von Alt News über den Film blieb auf Instagram erst stehen, nachdem zwei Nennungen des Namens entfernt waren, und die Suche nach dem Namen liefert auf Instagram in Indien keine Ergebnisse.
Kann SFLC Einspruch einlegen?
Auf dem Papier beim Beschwerdebeauftragten von Instagram und danach beim staatlichen Grievance Appellate Committee. In der Praxis hat das Beschwerdeformular keine Option für eine Einschränkung auf rechtliche Anforderung, es bleibt nur E-Mail ohne Frist, und der Ausschuss nimmt keinen Fall an, der nicht zuerst über den Beschwerdebeauftragten gelaufen ist.
Wie groß ist das Löschprogramm in Indien?
Laut Regierungsdaten, die The Indian Express erhalten hat, gingen zwischen März und Juli 2026 rund 195.000 Sperranordnungen an Instagram, Facebook und YouTube, im Schnitt eine alle 68 Sekunden, gegenüber etwa sechs pro Tag im Vorjahr. Der SFLC-Bericht dokumentiert für dieselben Monate rund 40 Fälle mit Medien und Journalisten.

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