Tech-Koalition mit Google und Cloudflare warnt vor Piraterie-Sperrpflichten für VPNs
Die Internet Infrastructure Coalition (i2Coalition), ein Branchenverband, zu dessen Mitgliedern Amazon, Cloudflare und Google gehören, warnt in einem Bericht, dass Sperrpflichten gegen Piraterie für VPN-Anbieter weit mehr treffen können als Verbraucher-VPN-Apps. Der Bericht „VPNs at Risk“ erschien am 21. Oktober, dem Global Encryption Day. Verantwortlich ist die VPN Trust Initiative der Koalition, zu deren Gründungsmitgliedern ExpressVPN, NordVPN und Surfshark zählen. Die Branche argumentiert hier also in eigener Sache.
„VPNs sind Teil der Sicherheitsarchitektur, auf die sich Menschen und Unternehmen jeden Tag verlassen“, sagte Christian Dawson, Geschäftsführer der Koalition.
Laut Bericht nutzen Verbraucher- und Firmen-VPNs dieselbe Technik
Das Kernargument ist technisch. Der Fernzugriff eines Unternehmens, ein Tunnel zwischen zwei Büros und ein Verbraucher-VPN können auf denselben Protokollen laufen, etwa WireGuard und OpenVPN. Maßnahmen, die VPN-Verkehr anhand von Protokoll, Port oder IP-Adresse erkennen oder sperren sollen, können laut Bericht „weniger gut zwischen verschiedenen Nutzungen derselben Technik unterscheiden“. Pflichten für Rechenzentren und Cloud-Anbieter, die VPN-Server betreiben, können zudem andere Kunden treffen.
Das zweite Argument betrifft die Haftung. Der Bericht verweist auf das Urteil des US Supreme Court von 2026 im Fall Cox gegen Sony: Allein das Wissen, dass manche Kunden einen Dienst missbrauchen, reicht nicht für eine Mithaftung bei Urheberrechtsverletzungen. „Wenn Anbieter schon deshalb haften, weil Allzweckdienste missbraucht werden können, haben sie starke Anreize, Nutzer zu kündigen, den Zugang einzuschränken oder vorsorglich einzugreifen“, warnen die Autoren.
Frankreich ist das Hauptbeispiel dafür, wie sich solche Pflichten ausbreiten. Im Mai 2025 verpflichtete ein Pariser Gericht auf Antrag von Canal+ NordVPN, CyberGhost, Surfshark, ExpressVPN und Proton VPN, 203 Domains mit illegalen Sportstreams zu sperren, und weitere Anordnungen folgten. Der Bericht beschreibt, wie Pflichten, die „auf einer Ebene des Internets auferlegt werden, auf eine andere wandern“, sobald Nutzer die Sperre umgehen. IP- und Domain-Sperren können zudem legale Dienste treffen, die sich eine Adresse mit dem Ziel teilen.
Die übrigen Fallstudien handeln weniger von Piraterie. Indiens Regeln zur Datenspeicherung von 2022 brachten ExpressVPN, Surfshark und NordVPN dazu, ihre Server aus dem Land abzuziehen. Russland blockiert Berichten zufolge OpenVPN und WireGuard auf Netzebene. Großbritannien ging den umgekehrten Weg: Nachdem das House of Lords im Januar 2026 für ein Verbot kommerzieller VPNs für Kinder gestimmt hatte, prüfte die Regierung die Daten, stellte fest, dass Kinder Altersprüfungen kaum per VPN umgehen, und entschied sich für einen anderen Ansatz.
Die US-Gesetzentwürfe fehlen im Bericht noch
In Washington liegen derzeit zwei konkurrierende Entwürfe für Netzsperren, erinnert TorrentFreak. Der American Copyright Protection Act des Abgeordneten Darrell Issa würde Gerichten erlauben, Provider, DNS-Resolver und VPN-Anbieter mit mindestens 100.000 monatlichen US-Nutzern zur Sperre ausländischer Piratenseiten zu verpflichten. Der DEFEND IP Act der Abgeordneten Zoe Lofgren und des Senators Thom Tillis nimmt reine VPN-Dienste ausdrücklich aus. Der Bericht erwähnt keinen der beiden. „Wir wollen die US-Gesetzgebung in einem künftigen Update aufgreifen, wenn sich die Debatte entwickelt“, sagte Dawson TorrentFreak. Issa scheidet zum Jahresende aus, Tillis verlässt den Senat im Januar, beide Entwürfe müssten also noch in dieser Sitzungsperiode vorankommen.
Eine pauschale Ausnahme für VPNs fordert der Bericht nicht. Gesetzgeber sollen den konkreten Schaden benennen, belegen, dass eine Maßnahme ihn verringert, und Pflichten denen auferlegen, die das Problem „vernünftigerweise kennen, kontrollieren und beheben können“. Technische Fachleute sollen früh einbezogen werden. Auch für Anbieter gibt es eine Liste: unabhängige Audits, Transparenzberichte und Zusammenarbeit mit legitimen Rechtsverfahren. Die Koalition nennt den Bericht ein lebendes Dokument und will ihn mit den Verfahren in Frankreich und den USA aktualisieren.