Google an die EU: VPNs und DNS zu sperren ist wirkungslos und schädlich

17.07.2026 3
Google an die EU: VPNs und DNS zu sperren ist wirkungslos und schädlich

In einer Stellungnahme, die still auf der Website der Europäischen Kommission auftauchte, hat Google Brüssel gesagt, was die VPN-Community seit Jahren argumentiert: Das Sperren von DNS-Resolvern, VPNs und IP-Adressen zur Bekämpfung von Piraterie sei "wirkungslos", "unverhältnismäßig" und richte "erheblichen Schaden" an. Ein seltener Moment - eines der größten Technologieunternehmen der Welt verteidigt öffentlich, faktisch, das Recht, Netzsperren zu umgehen. Und das genau dann, wenn dasselbe Argument in Gerichten und Parlamenten auf beiden Seiten des Atlantiks geprüft wird.

Was Google tatsächlich eingereicht hat

Die Kommentare kamen als Antwort auf den Aufruf der Europäischen Kommission zur Beweiserhebung im Rahmen der Überprüfung der EU-Urheberrechtsrichtlinie. Das Dokument war als "Vertraulich" gekennzeichnet, wurde aber auf der Website der Kommission selbst veröffentlicht - so kann die Welt nun genau lesen, wie Google aggressive Sperren sieht.

Google lehnt Website-Sperren nicht grundsätzlich ab. Der Punkt ist enger und schärfer: Sperren, die auf die Infrastruktur des Internets zielen - DNS-Resolver, VPN-Dienste und geteilte IP-Adressen -, seien das falsche Werkzeug. In Googles Worten sei eine solche Sperre "wirkungslos, da sie überhaupt keine Inhalte entfernt und sich leicht durch alternative DNS-Resolver umgehen lässt", sowie "unverhältnismäßig, da sie rechtmäßige Dienste erfasst, Fragen der Extraterritorialität aufwirft und ganze Domains sperrt".

Der Kollateralschaden an realen Beispielen

Das Auffälligste an der Stellungnahme ist nicht die Theorie, sondern die Belege. Google verweist auf konkrete Fälle, in denen Sperren auf Infrastrukturebene die falschen Ziele trafen:

  • Italiens Piracy-Shield-System sperrte eine Google-Drive-Subdomain und setzte zeitweise IP-Adressen auf die schwarze Liste, auf denen mehr als 42 Millionen Domains von Cloudflare-Kunden gehostet waren.
  • In Frankreich schaltete Cisco seinen öffentlichen OpenDNS-Resolver für lokale Nutzer schlicht ab, statt gerichtlich angeordnete DNS-Sperren umzusetzen.
  • In Portugal sperrten Provider einst Google-IP-Adressen und legten dabei legitime Google-Cloud-Dienste lahm.

Jedes Beispiel macht denselben Punkt: Wer eine IP, einen DNS-Resolver oder einen VPN-Endpunkt sperrt, trifft selten nur den Piraten. Man trifft alle anderen, die sich diese Infrastruktur teilen - im modernen Internet können das zig Millionen unschuldiger Domains sein.

Warum das bemerkenswert ist

Rechteinhaber haben jahrelang VPNs und öffentliche DNS-Resolver als Werkzeuge dargestellt, die Piraterie "ermöglichen", und Gesetzgeber gedrängt, Vermittler zur Inhaltspolizei zu machen. Europa ist dem weitgehend gefolgt. Genau das tat Frankreich, als seine Gerichte ProtonVPN zur Sperrung von Piraten-Domains verpflichteten und einen Datenschutzdienst zum Durchsetzungs-Nadelöhr machten.

Dass nun Google - ein Unternehmen, das selbst einen öffentlichen DNS-Resolver betreibt und häufig Ziel von Sperren ist - der Kommission unverblümt sagt, dieser Ansatz sei kontraproduktiv, ist ein bedeutender Wandel. Es bringt die technische Realität ins offizielle Protokoll: Diese Sperren entfernen keine rechtsverletzenden Inhalte, sie machen nur alles andere kaputt, während der entschlossene Pirat in Sekunden den Resolver wechselt.

Teil einer größeren Gegenbewegung

Googles Eingabe steht nicht allein. Sie kommt in denselben Wochen, in denen das höchste Gericht der EU in einem wegweisenden Urteil entschied, dass VPN-Anbieter neutrale Vermittler sind und nicht haften, wenn Nutzer Geoblocking umgehen. Zwei der einflussreichsten Akteure der Debatte - das höchste Gericht der EU und ihr größtes Tech-Unternehmen - sagen nun, in unterschiedlichen Registern, dasselbe: Ein VPN ist ein universelles Datenschutzwerkzeug, keine Piraterie-Maschine, und die Netzwerkebene zum Feind zu erklären, richtet mehr Schaden als Nutzen an.

Das Timing ist kein Zufall. Google reichte seine Kommentare kurz vor einer Anhörung im US-Kongress ein, die signalisierte, dass ein amerikanisches Website-Sperrgesetz näher ist denn je. Die Botschaft an Washington ist implizit, aber klar: Bevor ihr dieselbe Maschinerie baut, schaut, was sie in Europa bereits zerstört hat - und wie leicht pauschale Netzsperren vom Urheberrechtsschutz in offene Zensur abgleiten.

Wichtig: Googles Stellungnahme ist ein politisches Argument, kein Gerichtsurteil und kein neues Gesetz. Website-Sperren bleiben in der gesamten EU legal, und bestehende Anordnungen gegen VPNs und DNS-Resolver behalten ihre Gültigkeit. Geändert hat sich, dass eine große Plattform die technischen Argumente gegen Sperren auf Infrastrukturebene ins offizielle Protokoll gebracht hat.

Für alltägliche Nutzer ist die Erkenntnis die stille Bestätigung des Offensichtlichen für alle, die Privatsphäre schätzen: Ein VPN und ein alternativer DNS-Resolver sind gewöhnliche Werkzeuge für eine sicherere, robustere Verbindung, keine Tatwerkzeuge. Wenn selbst Google den Regulierern sagt, dass ihre Sperrung wirkungslos und unverhältnismäßig ist, stärkt das den Boden unter jedem, der sich auf Verschlüsselung verlässt, um das offene Internet zu erreichen.

Fazit: Googles Botschaft an die Europäische Kommission ist unmissverständlich: Das Sperren von DNS-Resolvern, VPNs und IP-Adressen stoppt keine Piraterie, es zerbricht nur das Internet für Millionen Unbeteiligter. Zusammen mit dem Urteil des EU-Gerichts, wonach VPN-Anbieter neutrale Vermittler sind, markiert es einen Wendepunkt - das Argument "VPN gleich Piraterie" verliert, und zwar auf höchster Ebene von Recht und Industrie.
Tags: vpn dns google eu site blocking censorship copyright internet freedom digital rights

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