Russland setzt Durow auf die Terrorliste und friert seine Konten ein

01.08.2026 5 Min. Lesezeit 3
Russland setzt Durow auf die Terrorliste und friert seine Konten ein

Russland hat Telegram-Gründer Pawel Durow auf seine Terrorliste gesetzt. Am 30. Juli 2026 trug Rosfinmonitoring, der russische Finanzgeheimdienst, ihn in das amtliche Register jener Personen und Organisationen ein, "zu denen Informationen über eine Beteiligung an extremistischer Tätigkeit oder Terrorismus vorliegen". Die Einstufung ist eine Verwaltungsmassnahme und kein Gerichtsurteil, wirkt aber sofort: Russische Banken müssen die Gelder aller Gelisteten einfrieren und die Geschäftsbeziehung aussetzen. Einen Tag zuvor hatte der FSB Durow in Abwesenheit die Unterstützung des Terrorismus zur Last gelegt und ihn international zur Fahndung ausgeschrieben.

Was die Terrorliste konkret bewirkt

Interfax beschrieb den Mechanismus am 30. Juli nüchtern: Banken frieren die Mittel gelisteter Personen ein und stellen die Bedienung ein. Eine Anhörung ist nicht nötig, die Sperre greift ab dem Moment, in dem der Name im Register steht. Praktisch fällt die Person aus dem regulierten Finanzsystem Russlands heraus, weil Konten, Karten, Überweisungen und die meisten Zahlungsdienste schlagartig nicht mehr funktionieren.

Eine vollständige Sperre ist es dennoch nicht. Rosfinmonitoring und russische Staatsmedien nannten enge Ausnahmen: humanitäre Zahlungen für den Lebensunterhalt der betroffenen Person und ihrer Familie sowie Vorgänge rund um Steuern, Löhne und Schadensersatz. RIA Nowosti fasste zusätzlich die weiteren Beschränkungen zusammen, die in Russland mit dem Extremismus-Status einhergehen, von Einschränkungen bei Wahlen bis zu Auflagen für öffentliche Veranstaltungen.

Für Durow persönlich hält sich der Schaden in Grenzen. Er lebt in Dubai, besitzt die französische und die emiratische Staatsbürgerschaft und führt seine Geschäfte nicht über russische Konten. Das Signal richtet sich an das Publikum im Land: Der Mann hinter dem meistgenutzten Messenger Russlands steht nun in einem staatlichen Register neben verurteilten Extremisten.

Der FSB-Fall hinter der Listung

Am 29. Juli erhob der FSB Anklage gegen Durow nach Teil 1.1 des Artikels 205.1 des russischen Strafgesetzbuchs, Unterstützung terroristischer Tätigkeit. Der Dienst wirft der Telegram-Administration vor, Kanäle und Bots nicht zu löschen, über die Sabotage, Cyberbetrug und Anschläge in Russland koordiniert würden, und verbindet das mit Todesopfern und Milliardenschäden. Die Moscow Times berichtet, auf den Vorwurf stünden bis zu 15 Jahre Haft. In derselben Mitteilung wurde Durow international zur Fahndung ausgeschrieben, obwohl Vertreter des Staates dies einen Tag zuvor noch als offen bezeichnet hatten, wie wir in unserem Bericht zu den FSB-Vorwürfen beschrieben haben.

Parallel ermittelt Frankreich gegen Durow, wo er im August 2024 wegen angeblich mangelnder Kooperation bei illegalen Inhalten festgenommen wurde. Telegram weist die Grundlage beider Verfahren zurück und verweist darauf, dass die Plattform illegales Material in grossem Umfang entfernt und die Strafverfolgung politisch motiviert sei.

Rosfinmonitoring: Die Beschränkungen gelten nicht für Telegram

Wenige Stunden nach der Listung folgte eine ungewöhnliche Klarstellung. "Die genannten Beschränkungen erstrecken sich nicht auf Telegram als juristische Person", teilte Rosfinmonitoring laut RIA Nowosti mit. Das ist innerhalb Russlands relevant, denn Nutzer fragten sofort, ob die Zahlung für Telegram Premium oder der Kauf von Stars nun als Finanzierung einer gelisteten Person gelten könnte. Juristen zogen in russischen Medien dieselbe Linie: Eine Anklage gegen den Gründer ist für sich genommen kein Verbot des Messengers.

Wichtig: Eine Listung bei Rosfinmonitoring friert das Vermögen einer Privatperson ein. Sie ist keine Sperranordnung gegen einen Dienst, und bis zum 1. August 2026 hat keine russische Behörde die Abschaltung von Telegram selbst angeordnet.

Durows Antwort war ein Meme

Durow reagierte nicht juristisch. Er veröffentlichte ein Bild mit der Zeile "Nicht verwechseln": sein eigenes Foto mit dem Etikett Terroristenhelfer, daneben eine Aufnahme von Aussenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen mit Taliban-Vertretern, überschrieben mit "geschätzte Partner". Zuvor hatte er den russischen Behörden vorgeworfen, Vorwände für ein vollständiges Telegram-Verbot zu konstruieren, und es ein trauriges Bild genannt, wenn ein Staat sein eigenes Volk fürchtet.

Was sich für Telegram-Nutzer in Russland ändert

Am 30. Juli änderte sich fast nichts, denn der Druck begann viel früher. Sprachanrufe in Telegram sind in Russland seit August 2025 blockiert. Die Registrierung neuer Nutzer wurde Ende Oktober 2025 eingeschränkt. Roskomnadsor drosselt den Dienst und erklärte im Februar 2026, die Beschränkungen blieben bestehen, bis Telegram russisches Recht einhalte. Die Moscow Times schätzt, dass rund 90 Millionen Menschen im Land den Dienst weiterhin nutzen, meist über eine verschlechterte Verbindung. Der Druck kommt inzwischen von beiden Enden der politischen Landkarte: In derselben Woche verklagte Australiens Aufsichtsbehörde Telegram wegen pro-terroristischer Inhalte.

Genau darin liegt die Bedeutung der neuen Einstufung. Sie ist eine weitere Umdrehung an einer Schraube, die seit einem Jahr angezogen wird, und jeder Schritt - blockierte Anrufe, gedeckelte Registrierungen, gedrosselter Verkehr, nun der Gründer auf der Terrorliste - treibt gewöhnliche Nutzer zu Werkzeugen, die eine normale Verbindung wiederherstellen. Deshalb ist die Nutzung verschlüsselter Tunnel und von VPN in Russland mit jeder neuen Beschränkung gewachsen, nicht erst nach einem einzigen spektakulären Verbot.

Fazit

Fazit: Die Terrorliste verschafft Moskau einen finanziellen und symbolischen Hebel gegen Telegram, ohne den Dienst förmlich zu verbieten. Das Register friert das Geld eines Mannes ein, der keines in Russland hält, während der Messenger legal, aber beschnitten bleibt. Zu beobachten ist nicht die plötzliche Abschaltung, sondern die stetige Verengung dessen, was ohne Umweg funktioniert, und der wachsende Anteil russischer Nutzer, für die ein solcher Umweg längst Standard ist.
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