„Internet gegen Ausweis“ in Australien: Wie Google und Bing jetzt das Alter der Nutzer prüfen

04.01.2026 5
„Internet gegen Ausweis“ in Australien: Wie Google und Bing jetzt das Alter der Nutzer prüfen

Die Ära, in der die Suchzeile ein neutrales Werkzeug war, gehört der Vergangenheit an. Seit dem 27. Dezember 2025 hat Australien offiziell einen Mechanismus gestartet, der Google und Bing von einfachen Indexierern in aktive Inhaltsmoderatoren verwandelt. Der Zugang zu Informationen ist nun ein Privileg, das einen Identitätsnachweis erfordert.

In diesem Artikel analysieren wir, wie der neue Online-Sicherheitskodex (Schedule 3) funktioniert, warum Sie wahrscheinlich nicht jeden Tag Ihren Reisepass scannen müssen und ob ein VPN helfen wird, das System zu umgehen.

1. Zwei Klassen von Nutzern: Mit Ausweis und ohne

Die neue Regelung unterteilt alle Internetnutzer in zwei klare Kategorien, für die völlig unterschiedliche Spielregeln gelten:

  • Kontoinhaber (Account Holders): Wenn Sie bei Google oder Microsoft angemeldet sind, ist das System verpflichtet zu wissen, wie alt Sie sind. Wenn Algorithmen entscheiden, dass Sie ein Kind (unter 18 Jahren) sind, wird zwangsweise ein nicht deaktivierbarer SafeSearch-Filter eingeschaltet. Sie werden weder Pornografie noch Gewaltszenen sehen, selbst wenn Sie gezielt danach suchen.
  • Anonyme (Abgemeldete): Wenn Sie nicht angemeldet sind, wird kein Ausweis verlangt. Aber die Suchmaschine wird Sie standardmäßig als „potenzielles Kind“ betrachten. Alle Inhalte der Kategorien 1C und 2 (für Erwachsene) werden in den Suchergebnissen automatisch verschwommen dargestellt oder ausgeblendet. Möchten Sie das Bild klar sehen? Melden Sie sich an und bestätigen Sie Ihr Alter.

2. „Inferenz“: Wie Google Ihr Alter ohne Dokumente erfährt

Der populärste Mythos ist, dass man jetzt bei jeder Anfrage ein Selfie mit dem Ausweis machen muss. In Wirklichkeit werden IT-Giganten eine raffiniertere Methode anwenden — Age Inference (Altersschlussfolgerung).

Unternehmen analysieren Ihren digitalen Schatten: Kaufhistorie, Suchanfragen der letzten Jahre, Wortwahl in E-Mails und sogar Aktivitätszeiten. Basierend auf diesen Metadaten weist das System Ihnen mit hoher Genauigkeit den Status „Erwachsener“ oder „Kind“ zu, ohne ein einziges Dokument. Biometrie (Gesichtsscan) oder Digital ID werden nur in strittigen Fällen oder zur Freischaltung sehr spezifischer Inhalte benötigt.

3. Der Preis der Frage: Millionenstrafen

Die Regulierungsbehörde meint es ernst. Dies sind nicht nur Empfehlungen, sondern ein Gesetz mit harten Sanktionen:

  • Der Timer läuft: Der Kodex trat am 27. Dezember 2025 in Kraft. Unternehmen haben genau 6 Monate Zeit (bis zum 27. Juni 2026), um ihre Systeme vollständig anzupassen.
  • Strafen: Bei Verstößen gegen die Filterregeln oder wenn einem Kind Zugang zu verbotenen Inhalten gewährt wird, drohen den Konzernen Strafen von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar pro Verstoß. Dies macht das Ignorieren des Gesetzes wirtschaftlich unmöglich.

4. VPN-Schlupfloch: Wird es funktionieren oder nicht?

Ja, die Nutzung eines VPN ermöglicht es technisch, diese Einschränkungen zu umgehen. Da der Kodex nur für Nutzer in Australien gilt, führt ein Wechsel der IP-Adresse dazu, dass Sie nicht mehr unter das Gesetz fallen. Experten und sogar die Regulierungsbehörden selbst geben zu, dass dies die Hauptmethode zur Umgehung sein wird, insbesondere für Jugendliche, da das Gesetz noch keine Mechanismen zur Sperrung von VPNs vorsieht.

Hier lauert jedoch eine ernsthafte Gefahr. Beim Versuch, der Altersprüfung von Google zu entgehen, könnten Nutzer massenhaft auf kostenlose VPN-Dienste umsteigen. Studien zeigen, dass solche Apps Daten oft aggressiver sammeln als Suchmaschinen oder Schadsoftware enthalten. So könnte der Versuch, die Anonymität durch ein zweifelhaftes VPN zu schützen, zu einem noch größeren Verlust an Privatsphäre führen.

Zusammenfassung: Das australische Experiment schafft einen Präzedenzfall für das „Internet gegen Ausweis“. Anonyme Suche bietet keinen vollständigen Zugang zu Informationen mehr, und autorisierte Suche bedeutet vollständiges Profiling. Wenn Sie sich in Australien befinden, stellen Sie sich darauf ein, dass bis Mitte 2026 die Ergebnisse im „Inkognito-Modus“ steril und verschwommen sein werden und ein VPN zur täglichen Notwendigkeit wird.
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