Freedom House: Internetfreiheit sinkt das 16. Jahr in Folge, Iran unter den Schlusslichtern

22.10.2026 4 Min. 15

Die Internetfreiheit weltweit ist das 16. Jahr in Folge zurückgegangen. Das geht aus dem jährlichen Bericht Freedom on the Net hervor, den Freedom House am 22. Oktober veröffentlicht hat. Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 verschlechterte sich die Lage in 16 der 38 untersuchten Länder, in 8 verbesserte sie sich. Den stärksten Rückgang verzeichnete Iran, das nun mit China und Myanmar zu den Ländern mit der geringsten Internetfreiheit gehört. Am freiesten war Estland mit 91 von 100 Punkten.

„Autoritäre Regime bauen das Internet zu einem Kontrollsystem um und entscheiden, wer sich verbinden darf, was man sieht und ob man gehört wird“, sagte Berichtsautor Kian Vesteinsson, stellvertretender Forschungsdirektor von Freedom House.

Iran und Russland trennen ihre Nutzer vom globalen Internet

Irans Wert fiel auf 9 von 100 Punkten. Nach landesweiten Protesten im Januar legten die Behörden das Internet 20 Tage lang fast vollständig lahm. Als die USA und Israel Ende Februar Angriffe starteten, begann eine landesweite Abschaltung von rund 88 Tagen, die längste in den 16 Ausgaben des Berichts. Im Mai verkauften Provider „Internet Pro“-Pakete: Zugang zum globalen Netz zum Fünffachen des normalen Preises und nur mit Zustimmung zur Überwachung. Zudem erhöhten die Behörden die Preise für staatliche VPNs und störten Starlink-Signale.

Russland kommt auf 16 Punkte. Im September 2025 schuf die Regierung ein Register „gesellschaftlich bedeutsamer Dienste“ wie Staatsmedien, VK und den staatlichen Messenger Max, die Provider bei Abschaltungen erreichbar halten müssen. Ein im Februar unterzeichnetes Gesetz erlaubt dem FSB Abschaltungen auf Grundlage eines Präsidentendekrets. In Moskau fiel das mobile Internet im März 19 Tage lang aus. Im selben Monat wiesen die Behörden laut Bericht Provider an, VPN-Nutzer auszusperren, und die Forschungsgruppe RKS Global stellte fest, dass viele große russische Dienste ihre Nutzer auf Anzeichen von VPN-Verkehr prüfen.

Altersprüfungen verbreiten sich schneller als der Datenschutz

Bis Juni 2026 hatten 10 der 38 Länder Gesetze zur Altersprüfung für soziale Netzwerke oder andere nicht pornografische Inhalte vorgeschlagen, verabschiedet oder umgesetzt. Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gilt seit Dezember 2025, bis März wurden rund 5 Millionen Konten gelöscht. Freedom House verweist auf erste Umfragen, wonach viele Jugendliche die Plattformen weiter nutzen, teils indem sie Gesichtsscans oder Altersprüfungen austricksen. Indonesien führte im März 2026 ein eigenes Verbot für unter 16-Jährige ein, und das türkische Parlament billigte im April einen Entwurf, nach dem das Alter nur über das staatliche Identitätssystem e-Devlet geprüft würde. Damit wäre praktisch jedes Konto an einen Klarnamen gebunden. Die Liste der Länder mit solchen Verboten wird länger.

Der Bericht verweist auch auf die Risiken der Prüfungen selbst. Discord meldete im Oktober 2025, dass ein Support-Dienstleister, der Einsprüche zur Altersprüfung bearbeitete, gehackt worden war. Möglicherweise wurden 70.000 Fotos von Ausweisen offengelegt. In den USA hatten 19 von 50 Bundesstaaten Altersgrenzen für soziale Netzwerke beschlossen, die meisten davon setzten Gerichte aber aus. Besonders hebt Freedom House ein Gesetz aus Utah vom März 2026 hervor, das Erwachsenenseiten verpflichtet herauszufinden, ob Besucher aus Utah die Altersprüfung per VPN umgehen. Laut Bericht droht so, dass Websites verschlüsselten Verkehr als verdächtig behandeln müssen. Der Wert der USA blieb bei 73.

Bangladesch und Georgien entwickelten sich gegensätzlich

Bangladesch verbesserte sich das zweite Jahr in Folge am stärksten. Erstmals seit 2016 gab es ein ganzes Jahr ohne Internetabschaltung, allerdings sahen sich mehr als 280 Journalisten politisch motivierten Anklagen gegenüber. Auf Platz zwei folgt Gambia. Georgien rutschte von „frei“ auf „teilweise frei“, weil die Behörden den Druck auf Online-Aktivismus aufrechterhielten. Auch Jordanien und Nigeria verschlechterten sich deutlich.

Diese Ausgabe umfasst 38 Länder statt 72 im Vorjahr, weil Freedom House die Untersuchung von 34 Ländern ausgesetzt hat. Zu den Empfehlungen gehört, dass Provider erhaltene Abschaltanordnungen veröffentlichen und die US-Regierung den Open Technology Fund weiter finanziert, der Werkzeuge gegen Zensur unterstützt. „Diktatoren investieren darin, Menschen vom Netz fernzuhalten. Wir müssen darin investieren, dass Zensur scheitert“, sagte Vesteinsson.

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