WhatsApp und Signal verraten Fremden Ihren Tagesablauf über die Nummer
Ihre Nachrichten in WhatsApp und Signal sind verschlüsselt, niemand außerhalb des Chats liest mit. Das funktioniert. Was trotzdem durchsickert, ist der kleine graue Haken für die Zustellung: Er kommt mit messbarer Geschwindigkeit zurück, und diese Geschwindigkeit verrät, ob Ihr Bildschirm an ist, ob Sie im WLAN oder im Mobilfunk hängen, wie viele Geräte Sie nutzen und wann Sie schlafen gehen. Sammeln kann das jeder, der Ihre Telefonnummer kennt, und Sie bekommen keinerlei Hinweis.
Kurz gefasst
- Zustellbestätigungen gehen automatisch raus und lassen sich vom Nutzer nicht abschalten. Lesebestätigungen sind eine andere Einstellung und helfen hier nicht.
- Speziell gebaute Nachrichten lösen eine Bestätigung aus, tauchen aber in keiner Chatliste auf. Das Abfragen bleibt unsichtbar.
- Die Laufzeit dieser Bestätigung verrät Bildschirm an oder aus, Netzwechsel, Anzahl der angemeldeten Geräte und deren Betriebssystem.
- Die einzige echte Gegenwehr heute: Fremden den Zugriff über die Nummer nehmen. Signal hat diese Einstellung, WhatsApp rollt Benutzernamen ab September 2026 weltweit aus.
Wie ein Haken zum Tracker wird
Forscher der Universität Wien und von SBA Research haben den Mechanismus in einer Arbeit namens Careless Whisper beschrieben. Der Ablauf passt in vier Zeilen.
- Der Angreifer schickt an Ihre Nummer eine Nachricht, die die App verarbeitet, aber nie anzeigt, etwa eine Reaktion auf eine Nachrichten-ID, die es nicht gibt.
- Ihr Telefon entschlüsselt sie, stellt fest, dass es nichts anzuzeigen gibt, und schickt brav trotzdem eine Zustellbestätigung zurück.
- Der Angreifer misst, wie lange diese Bestätigung gebraucht hat.
- Mehrmals pro Sekunde wiederholt, zeichnen die Laufzeiten den Verlauf Ihres Tages.
Auf dem Bildschirm erscheint nichts: keine Benachrichtigung, kein neuer Chat, kein ungelesener Zähler. Die Arbeit vergleicht das mit einer stillen SMS, dem Verfahren, mit dem Behörden ein Handy orten, ohne dass der Besitzer es merkt.
Was die Laufzeiten verraten
Ein Telefon mit eingeschaltetem Bildschirm antwortet schneller als dasselbe Gerät, das mit dem Display nach unten auf dem Tisch liegt. Im WLAN fällt die Antwort anders aus als im Mobilfunk. Ein Desktop-Client, der gerade online gegangen ist, meldet sich eigenständig. Daraus rekonstruierten die Forscher die Bildschirmzeit sekundengenau, Arbeitsabläufe, Wege zur Arbeit sowie die Zahl der angemeldeten Geräte samt Betriebssystem.
Derselbe Kanal taugt nicht nur als Sensor, sondern auch als Waffe. Da die Prüfnachrichten beliebige Nutzdaten tragen können, hat das Team gemessen, was passiert, wenn man dauerhaft große verschickt.
Bei Signal fällt das Bild milder aus. Kurze Serien gehen durch, mehrere Nachrichten pro Sekunde laufen aber in Grenzen, und der Akku eines Testgeräts ließ sich nicht nennenswert leeren. Der Tracking-Seitenkanal ist dort trotzdem vorhanden, nur das Auszehren der Ressourcen nicht.
Threema verhielt sich anders
Getestet wurden drei Messenger. Threema geht mit Bestätigungen so restriktiv um, dass stilles Abfragen nicht funktioniert: Ein Fremder kann überhaupt nur etwas auslösen, indem er eine normale Textnachricht schickt und ein sichtbares Gespräch beginnt, also das Gegenteil von unauffällig. Das ist wichtig, weil es zeigt: Hier geht es um eine Designentscheidung, nicht um ein Naturgesetz. WhatsApp und Signal antworten Fremden standardmäßig, Threema nicht.
Was die Anbieter unternommen haben
- Die Forscher melden die Ergebnisse an die Sicherheitskontakte von Meta und der Signal Foundation.
- Meta bestätigt den Eingang und teilt mit, der Bericht gehe an das Entwicklungsteam. Eine inhaltliche Antwort folgt nicht.
- Fast ein Jahr später teilt Meta erneut mit, der Bericht sei an die Technik weitergeleitet worden.
- Laut der Arbeit gab es überhaupt keine Antwort.
Die Arbeit listet auf, was das Problem schließen würde: keine Bestätigungen an Nummern schicken, mit denen kein Gespräch läuft, datenschutzbewussten Nutzern das Abschalten sofortiger Bestätigungen erlauben, den Zeiten etwas Zufall beimischen und referenzierte Nachrichten-IDs prüfen, statt Unsinn zu quittieren. Nichts davon ist als Protokolländerung erschienen. Im Dezember 2025 veröffentlichte jemand auf GitHub einen funktionierenden Machbarkeitsnachweis, der die Technik in ein Dashboard verwandelt, und darüber haben die meisten überhaupt erst davon erfahren. Am Verhalten der Messenger hat sich seither nichts geändert.
Die Schwachstelle ist die Nummer
Jede Variante dieses Angriffs beginnt gleich: Der Angreifer tippt eine Telefonnummer ein. Zum selben Schluss kommt eine zweite Arbeit derselben Wiener Gruppe, vorgestellt auf der NDSS 2026: Die Kontaktsuche von WhatsApp ließ sich mit mehr als 100 Millionen Abfragen pro Stunde befragen und bestätigte 3,5 Milliarden aktive Konten in 245 Ländern. Diese Lücke hat Meta inzwischen entschärft. Die Lehre überlebt die Korrektur: Auf beiden Plattformen ist Ihre Telefonnummer gleichzeitig Adresse, Login und Suchschlüssel.
Was Sie heute tatsächlich tun können
Sinnvoll
- Signal: Einstellungen, Privatsphäre, Telefonnummer, Wer mich anhand meiner Nummer finden kann, auf Niemand setzen. Wer Ihre Nummer eintippt, kann Ihnen dann weder schreiben noch sehen, dass Sie Signal nutzen.
- Signal: In den Einstellungen im Profil einen Benutzernamen anlegen und den statt der Nummer weitergeben.
- WhatsApp: Unter Einstellungen, Account, Benutzername einen Namen reservieren. Die Funktion startete im Juli 2026 und erreicht ab September die übrigen Länder.
- WhatsApp: Einstellungen, Datenschutz, Erweitert, Nachrichten unbekannter Konten blockieren einschalten. Greift nur bei hohem Aufkommen, also eher Bremsschwelle als Lösung.
Hilft nicht
- Lesebestätigungen abschalten. Zustellbestätigungen sind ein eigener Mechanismus und bleiben aktiv.
- Ein VPN. Die Bestätigung erzeugt Ihr Telefon, und ihr Timing hängt kaum davon ab, welchen Weg der Datenverkehr nimmt.
- Die Nummer im Nachhinein blockieren. Der Angreifer erscheint in keiner Chatliste, es gibt nichts zu blockieren.
- Gewohnheitsmäßig den Flugmodus nutzen. Offline zu sein ist selbst ein Datenpunkt in der Kurve.
Von allem Genannten lohnen sich vor allem die Benutzernamen. Sie flicken den Seitenkanal nicht, nehmen dem Angriff aber das, ohne das er nicht beginnt. Wer Sie außerhalb Ihrer Kontakte nicht über die Nummer erreicht, kann Sie auch nicht auf Laufzeiten abfragen.
Merke ich, wenn das bei mir läuft?
Wird dadurch die Verschlüsselung gebrochen?
Kann ich Zustellbestätigungen abschalten?
Bin ich bei Signal sicherer als bei WhatsApp?
Versteckt mich ein VPN hier?
• Careless Whisper: Exploiting Silent Delivery Receipts to Monitor Users on Mobile Instant Messengers - Gegenhuber et al., University of Vienna and SBA Research
• Researchers discover security vulnerability in WhatsApp - SBA Research
• Keep your phone number private with Signal usernames - Signal
• WhatsApp rolls out usernames to help users hide their phone number - BleepingComputer