Jahrelang warnten Datenschutzexperten, dass Pokemon Go weit mehr als nur Spieldaten sammelt. Die meisten taten es als Paranoia ab. Nun hat eine Untersuchung der niederlaendischen Zeitung Trouw ihre schlimmsten Befuerchtungen bestaetigt: 30 Milliarden Scans, die von Pokemon Go-Spielern erstellt wurden, wurden an einen US-Militaerauftragnehmer weitergegeben und zum Training von Navigationssoftware fuer Kampfdrohnen verwendet.
Pokemon Go Datenschutzrisiken: Aufbau einer geheimen 3D-Karte
Ab 2021 fuehrte Pokemon Go eine Funktion ein, die es Spielern ermoeglichte, In-Game-Boni zu verdienen, indem sie 360-Grad-Videoaufnahmen ihrer Umgebung erstellten. Es schien eine harmlose Methode zur Verbesserung der Augmented-Reality-Funktionen des Spiels zu sein. Spieler scannten Strassen, Parks, Gebaeude - und in einigen Faellen ihre eigenen Wohnungen.
Was die meisten Spieler nicht wussten: Durch die Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen raeumten sie Niantic - dem Unternehmen hinter Pokemon Go - das Recht ein, diese Geodaten an Dritte weiterzugeben. Laut Trouw wurden von Hunderten Millionen Spielern weltweit rund 30 Milliarden solcher Scans gesammelt.
Niantic Spatial: Von mobilen Spielen zur Verteidigung
Im Jahr 2024 gruendete Niantic ein separates Unternehmen namens Niantic Spatial, das das riesige Geodaten-Dataset uebernahm. Mit diesen Daten entwickelte Niantic Spatial ein Visual Positioning System (VPS) - eine Technologie, die den genauen Standort, die Richtung und die Geschwindigkeit eines Geraets anhand visueller Orientierungspunkte statt GPS-Signalen bestimmen kann.
Das Unternehmen hat eingeraeumt, dass Spieler-Scans zum Training einer "fruehen Version" seines Navigationsmodells verwendet wurden. Auf die Frage, ob auch die kommerziell eingesetzte Version mit Pokemon Go-Daten trainiert wurde, lehnte Niantic Spatial eine Antwort ab.
Die Vantor-Partnerschaft: Militaerdrohnen-Navigation ohne GPS
Am 16. Dezember 2025 kuendigte Niantic Spatial eine Partnerschaft mit Vantor an - einem Ruestungstechnologieunternehmen mit Sitz in Westminster, Colorado (ehemals Maxar Intelligence). Die Ankuendigung beschreibt Plaene zur Integration des bodenbasierten VPS von Niantic Spatial mit Vantors Raptor-Software zur Luftlokalisierung.
Das Ergebnis ist ein einheitliches Navigationssystem, das es Militaerdrohnen, Robotern und Fahrzeugen ermoeglicht, in GPS-gestoerten Umgebungen praezise zu operieren. Peter Wilczynski, Chief Product Officer von Vantor, erklaerte: "Der Aufstieg autonomer Systeme veraendert unsere Welt, aber diese Systeme funktionieren nur, wenn sie bei ausgefallenem GPS praezise Lagebestimmung gewaehrleisten koennen."
Feldtests des kombinierten Systems waren fuer Anfang 2026 geplant. Die Technologie ist besonders relevant fuer Konfliktgebiete wie die Ukraine, wo GPS-Jamming durch russische Streitkraefte zu einem erheblichen Hindernis fuer Drohnenoperationen geworden ist.
Experten reagieren: Spieler wurden getaeuscht
Die Trouw-Untersuchung loeste scharfe Reaktionen von Technologie- und Ethikexperten aus. Jeroen van den Hoven, Professor fuer Ethik und Technologie an der TU Delft, sagte der Zeitung: "Ohne die riesige Anzahl von Scans all dieser Gamer waere die Entwicklung dieses Systems niemals so schnell vorangegangen." Er beschrieb die Spieler als Personen, die "indirekt zur militaerischen Infrastruktur beigetragen haben".
Ein anderer Experte war noch direkter: "Die Menschen, die glaubten, ein Spiel zu spielen, wurden eindeutig getaeuscht."
Die Bedenken gehen ueber Strassen und oeffentliche Raeume hinaus. Trouw berichtete, dass einige Spieler die Innenraeume ihrer Privatwohnungen gescannt haben - detaillierte Aufnahmen, die nun Teil eines Datensatzes sind, der einem Unternehmen mit aktiven Militaervertraegen gehoert.
Die Unternehmenskette: Von der Unterhaltung zur Ruestungsindustrie
Die Eigentuemerkette fuegt eine weitere Dimension hinzu. Im Jahr 2024 uebertrug Niantic die Pokemon Go-Franchise an Scopely - ein Spieleunternehmen, das letztlich dem Staatsfonds Saudi-Arabiens gehoert. Niantic Spatial behielt jedoch die Geodaten und die VPS-Technologie - die strategisch wertvollsten Vermoegenswerte aus dem Spiel.
Das bedeutet, dass Hunderte Millionen Spieler unwissentlich zu einem 3D-Kartierungsprojekt beigetragen haben, das nun der Verteidigung dient, wobei die Daten durch eine Kette fliessen, die San Francisco, saudi-arabisches Investitionskapital und US-Militaerauftragnehmer verbindet.
Was dies fuer Ihre digitale Privatsphaere bedeutet
Der Fall Pokemon Go markiert eine gefaehrliche neue Grenze bei der passiven Datenerhebung: Verbraucher-Apps sammeln Umweltdaten, die spaeter ohne Einwilligung der Nutzer fuer militaerische oder nachrichtendienstliche Zwecke umgewidmet werden.
Aus rechtlicher Sicht waren diese Praktiken durch Niantics Nutzungsbedingungen technisch erlaubt. Spieler klickten auf "Zustimmen", ohne die Klauseln zu lesen, die die Weitergabe von Geodaten an Unternehmenspartner erlaubten.
Fuer datenschutzbewusste Nutzer unterstreicht dieser Fall die dringende Notwendigkeit einer umfassenden digitalen Hygiene. Ein einfaches VPN kann zwar nicht verhindern, dass eine App auf Ihre Kamera zugreift, aber Premium-VPN-Dienste mit integrierten Tracker-Blockern und DNS-Filterung koennen die Datenkanaele zwischen invasiven Apps und Drittanbieter-Datenbrokern kappen. Die Kombination aus einem No-Logs-VPN und strikter App-Berechtigungskontrolle ist die effektivste Strategie zur Eindaemmung des passiven Datensammelns.
• Scans niederlaendischer Pokemon Go-Spieler koennten zur Entwicklung von Militaerdrohnentechnologie beigetragen haben - NL Times
• Vantor kooperiert mit Niantic Spatial fuer GPS-freie Navigation im Verteidigungsbereich - SpaceNews
• Die Dystopie von Pokemon Go: von Saudi-Arabien bis zu autonomen Waffen - Domus