Russland plant bis 2030: 98% des Internetverkehrs filtern und 92% der VPNs sperren

04.05.2026 1
Russland plant bis 2030: 98% des Internetverkehrs filtern und 92% der VPNs sperren

Die russische Internetaufsichtsbehoerde Roskomnadzor (RKN) hat messbare Ziele fuer die nahezu vollstaendige Kontrolle des Runet-Verkehrs bis 2030 festgelegt. Der Plan sieht vor, 98% des gesamten russischen Internetverkehrs ueber TSPU-Hardware zu leiten und 92% der VPN-Dienste per Deep-Packet-Inspection-Signaturen zu sperren - ein entscheidender Schritt von vagen Ueberwachungsabsichten zu konkreten, staatlich finanzierten Zielvorgaben.

Was ist TSPU und wie funktioniert es

TSPU (Tekhnicheskie Sredstva Protivodeystviya Ugrozam - Technische Mittel zur Bedrohungsabwehr) sind Hardware-Software-Systeme, die inline in Provider-Kabelstrecken eingebaut sind. Entscheidend: Sie werden zentral aus Moskau vom Hauptfunkfrequenzzentrum (GRFC) gesteuert - einzelne ISPs haben keine Kontrolle ueber das Geraet in ihren Netzen.

Die Kerntechnologie ist Deep Packet Inspection (DPI). Anders als gewooehnliches Routing, das nur Paketheader liest, analysiert DPI den Paketinhalt, um Anwendungen, Protokolle oder Websites zu identifizieren. TSPU-Systeme koennen bestimmte IP-Adressen und Domains sperren, den Verkehr von Plattformen drosseln (wie bei Twitter 2021 und YouTube 2024) und Tunneling-Protokolle blockieren.

Die Ziele 2030: 98% Verkehrsabdeckung und 92% VPN-Sperrung

Dokumente zu staatlichen Subventionen fuer das Automatisierte Internetsicherheitssystem (ASBI, verwaltet TSPU) setzen drei Hauptziele fuer Ende 2030:

  • 98% Verkehrsabdeckung - nahezu gesamter Runet-Verkehr ueber TSPU-Knoten
  • 831 Tbit/s Durchsatzkapazitaet - Engpaesse beseitigen
  • 92% durchschnittliche VPN-Blockierungseffektivitaet per signaturbasierter Filterung

Der signaturbasierte Ansatz zielt auf die Handshake-Phase von VPN-Verbindungen ab. TSPU scannt den Echtzeitverkehr auf Signaturen und verwirft Pakete, bevor die Verbindung hergestellt werden kann. Die 92% zu erreichen erfordert enorme Rechenleistung, da moderne obfuskierte VPNs (Shadowsocks, VLESS, Trojan) ihren Verkehr absichtlich wie normales HTTPS tarnen.

Aktueller Stand der TSPU-Bereitstellung

TSPU-Hardware ist bei der grossen Mehrheit der Backbone- und regionalen ISPs sowie bei allen grossen Mobilfunkbetreibern Russlands obligatorisch. Der genaue Prozentsatz des gefilterten Verkehrs wird aus Sicherheitsgruenden nicht oeffentlich bekannt gegeben.

Stand 2025 meldete Roskomnadzor offiziell die Sperrung von 258 VPN-Diensten - zusaetzlich zu frueheren Protokollsperren. OpenVPN und WireGuard wurden bereits auf Infrastrukturebene gedrosselt oder gesperrt.

Das Budget: 83,7 Milliarden Rubel

Die Regierung hat 40 Milliarden Rubel fuer ASBI-Betrieb bereitgestellt - 20 Milliarden 2026, weitere 20 Milliarden 2027-2028. Das Gesamtbudget fuer das foederale TSPU-Modernisierungsprojekt ist auf 83,7 Milliarden Rubel gestiegen, ein Plus von 14,9 Milliarden gegenueber frueheren Plaenen.

Grosse TSPU-Hardwarelieferanten erhalten weiterhin erhebliche Mittel. Gradient/RDP.RU nahm 2025 rund 12 Milliarden Rubel als Darlehen auf, um die Produktionskapazitaet zu erweitern.

Expertenreaktionen: Ambitioes, aber kostspielig

Denis Kuskov, CEO von TelecomDaily, nannte das 92%-Ziel aeusserst ambitioes und schaetzte, dass Hunderte von Milliarden Rubel noetig seien - nicht die bereitgestellten 40 Milliarden.

German Klimenko schlug stattdessen einen wirtschaftlichen Ansatz vor: auslaendischen Verkehr kostenpflichtig machen (ca. 1 Dollar pro Gigabyte), was bis zu 70% der russischen Nutzer wirtschaftlich zur Aufgabe von VPNs und auslaendischen Websites bewegen wuerde.

Journalistin Maria Kolomychenko von The Bell hob die rechtliche Unklarheit der Kennzahl hervor: Die Dokumente definieren nicht genau, was die 92% messen.

Digitale Buergerrechtsgruppen wie Roskomsvoboda weisen darauf hin, dass die erweiterte TSPU-Infrastruktur die Verbindungsqualitaet fuer legitime Nutzer verschlechtert und das russische Internet weiter isoliert.

Was das fuer VPN-Nutzer in Russland bedeutet: Die Ziele fuer 2030 sind die expliziteste staatliche Verpflichtung zur systematischen VPN-Eliminierung bisher. Obfuskierte Protokolle funktionieren derzeit noch, aber das Zeitfenster wird enger.

Fazit

Russlands TSPU-Programm hat sich von der Infrastrukturbereitstellung zur Definition praeziser, messbarer Ergebnisse entwickelt: 98% Verkehrsabdeckung und 92% VPN-Sperrung bis 2030. Mit 83,7 Milliarden Rubel und bereits eingebetteter DPI-Hardware baut Roskomnadzor ausserhalb Chinas eines der umfassendsten nationalen Verkehrsfiltersysteme der Welt auf.

Fazit: Wer aus Russland auf das offene Internet angewiesen ist, sollte sicherstellen, dass sein VPN-Anbieter moderne Obfuskierungsprotokolle (Shadowsocks, VLESS, Trojan oder Obfs4) unterstuetzt - Standard-OpenVPN und WireGuard werden bereits aktiv angegriffen.

Quellen

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Tags: tspu roskomnadzor censorship russia vpn blocking internet censorship

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